Vom Warschauer Ghetto über fast zehn Konzentrations- und Außenlager bis nach Australien: Der Holocaust-Überlebende Binem Grünstein hat in den 40er-Jahren eine Odyssee hinter sich gebracht. Einige Zeit war er im KZ-Außenlager Leonberg.
LkZ-Serie über das KZ Leonberg, Teil 6: Binem Grünstein

In der Leonberger KZ-Gedenkstätte, dem ehemaligen Autobahntunnel unter dem Engelberg, nimmt Eberhard Röhm, Mitgründer der KZ-Gedenkstätteninitiative, ein großes Stück Metall und einen Hammer in die Hände. Er will zeigen, unter welchem Geräuschpegel hier einst Häftlinge zur Zwangsarbeit an Flugzeugtragflächen gezwungen wurden. Mit einer ausholenden Bewegung schwingt der 96-Jährige das Werkzeug in Richtung Metall und produziert einen scheppernden Lärm, der zwischen den Betonmauern der Tunnelröhre lange nachhallt. Seine Gäste, Sarah und Harry Grunstein, halten sich die Ohren zu.
An diesem Tag im Herbst 2024 hören die beiden das, was ihr Vater rund 80 Jahre zuvor am gleichen Ort wohl auch gehört hat. Denn das KZ-Außenlager Leonberg war für ihn, Binem Grünstein, eine Station einer langen, grauenhaften Odyssee. „Lange Zeit dachte ich nicht, dass ich es schaffe, diese Orte zu besuchen“, sagt Sarah Grunstein. „Ich dachte, das wurde mich in Stücke zerreißen.“ Geändert hat sich das vor wenigen Jahren, als die Geschwister Polen besuchten und auch in Treblinka einen Stopp einlegten. „Das war lebensverändernd“, sagt Sarah.
Die beiden Brüder waren oft beieinander
In Treblinka war der Vater zwar nicht. Aber in Leonberg. An der Gedächtniswand vor dem Tunneleingang ist sein Name einer von knapp 3000, die in die Stahlplatten eingefräst sind. „Sinem Grünstein“ steht hier, weil sein Name bei seiner Ankunft 1944 falsch notiert worden war – geboren ist Grünstein mit dem Vorname „Binem“. Direkt daneben ist der Name Moszek zu finden, Binem Grünsteins Bruder. Es wird angenommen, dass die beiden große Teile ihrer Odyssee gemeinsam zurückgelegt haben.
Geboren wurde Binem Grünstein im Februar 1921 in Warschau. Sein Bruder kam drei Jahre später zur Welt. Die Familie war jüdisch. 1941 konnte Binem das Warschauer Ghetto verlassen, wurde ein Jahr später nach einer kurzen Flucht mit seinem Bruder aber doch ins KZ-Außenlager Budzyn gebracht.
Dort, so schilderte es Binem Grünstein Ende der 90er-Jahre in einem Interview mit der amerikanischen Shoah Foundation, erlebten die Brüder einen der übelsten Lagerkommandanten, „einen Sadisten“: Reinhold Feix. Einmal, es war Winter, habe Feix einige Häftlinge in den Wald geschickt, um Bäume nur mit Taschenmessern zu fällen. Dabei habe es Schläge gehagelt – und am Ende, als die Arbeit geschafft war, habe der Kommandant doch einen der Häftlinge ermordet – weil es ihm nicht schnell genug ging.
Seine Malkünste retteten ihn vor harter Arbeit
Für die Brüder ging es von Budzyn in viele weitere Lager: Nach Mielec, Wieliczka, Flossenbürg, Leitmeritz, Augsburg-Pfersee. Dass Binem Grünstein künstlerisch äußerst begabt war, rettete ihm auf dieser Reise wohl öfter das Leben – wenn er die Porträts von SS-Männern und Lagerkommandanten malen musste, statt zu harter Arbeit gezwungen zu werden. Weil er kein Malzeug hatte, nutzte er die Asche von Zigaretten, Stöckchen und seine Finger, berichtet Harry Grunstein. „Er hat einmal gesagt, er hat wegen zwei Dingen überlebt: Wegen dem, was er mit seinen Händen schaffen konnte. Und Wunder um Wunder um Wunder.“
1944 wurde Grünstein nach Leonberg gebracht. Sein Bruder war dort wenige Wochen zuvor angekommen. Und noch ein Freund von Binem war Gefangener in Leonberg: Der Pole Joseph Koplewitz war auch noch nach dem Ende des Kriegs ein enger Wegbegleiter ihres Vaters, berichten Sarah und Harry Grunstein, die das englische „u“ statt des deutschen Umlauts „ü“ im Namen tragen. Während des Holocausts trug Koplewitz stets eine Metallbox bei sich, in die Binem Grünstein seine Stationen in Konzentrations- und Arbeitslagern einritzte.
In Niederbayern hat er sich verliebt
Die Arbeit im Leonberger Außenlager war unmenschlich: Tagsüber arbeitete Grünstein mit seinen Mithäftlingen an den Tragflächen für Messerschmitt-Maschinen, nachts musste er manchmal Wache stehen und das Licht im Tunnel ausschalten, wenn feindliche Flugzeuge anrückten. Dabei, so schilderte er selbst, sei er immer wieder eingeschlafen. „Dafür wurde er geschlagen“, berichtet sein Sohn Harry.
Nachdem im April 1945 das Leonberger KZ geräumt wurde, wurde Binem nach Landau transportiert und wurde schließlich von den US-Amerikanern befreit. Mit seinem Bruder lebte Binem anschließend im niederbayrischen Eggenfelden, hier lernte er auch seine künftige Ehefrau Channa kennen. Sie ging zunächst nach Schweden, um ihren Bruder zu finden, stieß aber später zu Binem, dem eine Einreise nach Schweden untersagt worden war. „Er wollte aus Europa weg“, sagt Sarah Grunstein. „Er hat gesagt, er wäre in jedes Land gegangen, das ihm als erstes eine Einreise gewährt hätte.“ Das war: Australien. Auf dem Boden der kleinen Wohnung, in der auch Moszek lebte, schneiderten Binem und Channa Kleider und Schnittmuster, bauten eine kleine Firma auf und beschäftigten später 30 Mitarbeitende.
„Eine interessante und schwere Reise“
Das Malen, das erzählen seine Kinder, hat Binem Grünstein, später William Grunstein, nie aufgegeben. Landschaften und Porträts seien sein Lieblingssujet gewesen. Die Familie lebte zwar nach wie vor ihre jüdische Identität, feierte Schabbat und sprach Jiddisch. Von den Grausamkeiten des Holocausts sprachen die Eltern aber selten. „Sie waren sehr starke, positive Menschen“, erinnert sich Sarah Grunstein. „Sie wollten, dass wir eine normale Kindheit haben, uns diese Last nicht mitgeben und nicht als Opfer leben.“ Inzwischen sind Channa und Binem verstorben. Informationen über die Erfahrungen der Eltern saugt Sarah heute in sich auf, will vielleicht ein Buch schreiben. „Das Kind von Überlebenden zu sein“, sagt sie, „ist eine interessante und schwere Reise.“